Alles, alles Liebe!

Aus briefromane
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Der 1999 von Barbara Honigmann veröffentlichte Roman Alles, alles Liebe! besteht aus einem Briefwechsel zwischen einer jungen-, jüdischen Frau aus Ostberlin namens Anna Herzfeld und überwiegend ihren Freunden sowie ihrer Mutter. Es handelt sich um einen Briefwechsel mit insgesamt 62 Briefen in dem Zeitraum von November 1975 bis Januar 1976. (1) In diesem Zeitraum erkannten sich beide Staaten gegenseitig an. Die Bundesrepublik hielt allerdings an der deutschen Einheit fest, wobei die DDR allerdings an ihrer Forderung völkerrechtlich anerkannt zu werden, weiter fest hielt. In einem Grundlagenvertrag erkannten sich dann aber beide Staaten staatsrechtlich an. Die BRD wollte weitere innerdeutsche Verbesserungen anstreben, die DDR schottete sich allerdings innenpolitisch immer weiter durch ihre Abgrenzungspolitik ab. (2)


Inhalt und Figurenkonstellation

Ausgangslage des Romans ist der neue Beruf und der neue Lebensort der Protagonistin Anna Herzfeld, welchen sie als Anlass nimmt ihrer Freundin Eva zu berichten. Als Regisseurin geht sie an ein Provinztheater in Prenzlau und verlässt Berlin, da sie in diesem Beruf eine große Chance sieht, dass ihr Traum, Regisseurin zu werden, in Erfüllung geht. In Prenzlau lebt sie in einem Zimmer über einer Kneipe. Die Provinz ist zwar der Ort, den sie am allermeisten hasst (S. 6), aber sie hofft, auf ihren Erfolg am Theater.

Traurig macht Anna auch die Trennung von ihrem Freund Leon, den sie erst im Sommer in der „Einsiedelei“ (S. 9) kennengelernt hat. Jetzt können sie sich ihre Liebe nur in Briefen verdeutlichen, da Leon in Berlin zurück geblieben ist. Durch einen Brief von Annas Mutter erfahren wir, wie Annas alte Wohnung aussieht, welche sie nicht gekündigt hat, da sie im Herbst nach der Theateraufführung wieder zurückkehren möchte. Ebenso meldet sich Alex, ein Freund aus ihrer alten Heimat, zu Wort und hofft, dass es Anna gut geht in Prenzlau. Außerdem macht er sich Sorgen über Annas Liebesleben, da er Leon „gräßlich“ (S. 23) findet.

Zwischendurch erfährt der Leser in einem Brief von einer Freundin, dass diese am nächsten Tag ausreisen wird. Sie darf also den Osten verlassen.

Am Theater fühlt Anna sich am Anfang sehr unwohl. Lutz, der ihr die Stelle vermittelt hat, meldet sich gar nicht bei ihr und sie steht vor ratlosen Gesichtern, welche von ihr auf Anweisungen warten. Des Weiteren versteht sie sich mit dem Dramaturgen nicht (S. 33).

Wenn sie an den Wochenenden nach Hause fährt, übt sie mit ihren Freunden für eine private Theateraufführung „Bernada“ (S. 39). Diese Aufführung ist allen sehr wichtig. Bei ihrem ersten Heimatbesuch wird sie direkt am Bahnhof von ihrem Freund Leon versetzt. Auch als sie abends in seiner Wohnung wartet, kommt er zu spät, so dass sie zu ihrer Mutter fährt und da übernachtet. Sie hat auch schon die Befürchtung, er habe eine andere Freundin. Allerdings versöhnen sich beide wieder.

Dann kommt wieder ein Brief, in dem steht „wir sind angekommen“ (64) aus Jerusalem, allerdings ohne genauere Informationen.

Im Theater läuft es für Anna auch nicht besser: Sie sitzt, mit wenigen Ausnahmen meist alleine in den Pausen herum. Sie hat nur zwei Personen mit denen sie sich gut versteht. Ebenso muss sie für die Spielzeiten immer alle Leute zusammen suchen. Aus einem Brief des Dramaturgen kann man entnehmen, dass auch er nicht mit ihrer Arbeit zufrieden ist, da niemand versteht, was sie eigentlich möchte, vor allem die Schauspieler. Das führt bei Anna zu noch mehr Zweifeln, was sie weiter machen soll. Denn sie weiß nicht, ob sie den „Kampf“ (S. 74) gegen den Dramaturgen gewinnen kann. Sie hat das Gefühl, die Schauspieler warten nur auf den Ausgang dieses Kampfes, welcher mehr Macht von den beiden hat.

Zwischendurch erhält Anna einen Brief aus Moskau von einer Freundin, welche sich auf ihren Besuch freut und ihr ein paar Sachen aufschreibt, welche Anna ihr besorgen soll.

Bei ihrem Besuch in Berlin wird Anna wieder von Leon versetzt. Wieder erfährt sie, dass Leon sich vormittags mit einer Freundin getroffen hat. In einem späteren Brief versucht Leon Anna alles zu erklären und bittet sie um Verzeihung und sagt, dass er manchmal selber nicht weiß, wer er ist.

Anna erhält erneut einen Brief aus Jerusalem, diesmal wird deutlich, dass es sich um eine jüdische Freundin handelt, welche mit Mann und Kind nach Jerusalem ausgewandert ist und von dort nun aus ihrem neuen Leben berichtet. Anna ist darüber sehr froh und freut sich einen Brief mit einem Poststempel aus Jerusalem in der Hand zu halten (S. 127).

Bei ihren Theaterproben geht es immer weiter abwärts, denn sie hat das Gefühl, dass ihre Schauspieler nicht das können, was sie können sollten und sie nicht weiß, wie sie es vermitteln soll, denn eigentlich hat sie mit diesem Stück bereits abgeschlossen, hat aber dennoch Angst zu scheitern.

Als Leon sich wieder bei Anna meldet, erfährt sie von einer alten Freundin Leons, mit welcher er sogar verheiratet ist. Er möchte sich aus vielen Gründen, welche er nicht nennt, aber nicht von dieser Frau scheiden lassen und bittet Anna nun beim Gerichtsprozess, welcher über die Scheidung Leons und seiner Exfrau entscheiden soll, nichts von ihrer Beziehung zu sagen. Daraufhin bricht Anna mit Leon.

Auch von dem Theater erhält Anna schlechte Neuigkeiten, sie wird gekündigt, und der Dramaturg übernimmt die Regie des noch aufzuführenden Stückes.

Dann stürzt sich auch noch Leon aus dem Fenster, um sich umzubringen, welches er allerdings nicht schafft.

Für Anna bricht ihre Welt zusammen, denn innerhalb kürzester Zeit scheitert ihre Liebe und auch ihr Traumberuf am Theater. Daraufhin flüchtet sie nach Moskau und verpasst sogar die mit ihren Freunden so oft geprobte Aufführung „Bernada“. In einem langen Brief an ihre Mutter schildert sie, dass sie weit weg musste von Berlin, und Moskau der für sie am besten zuerreichende Ort war, da sie schon ein Visum hatte. Sie wollte weg von allem, vor allem von Leon, welcher im Krankenhaus lag. Jetzt ist sie bei Freunden untergekommen und muss sich erst einmal Gedanken machen, wie es weiter gehen soll. Sie beendet den Brief mit „Alles, alles Liebe.“ (S. 179)


Form des Romans

Bei dem Roman handelt es sich von Anfang an um einen Briefroman, welcher aus 62 Briefen besteht. Insgesamt schreibt die Protagonistin Anna sich mit 15 verschiedenen Personen Briefe, welche überwiegend mit ihrem Leben und ihrer Geschichte zu tun haben. Des Weiteren weiteren werden manchen Briefen erläuternde Schreiben angehängt. Ebenso gibt es keine Erzählerinstanz.


Interpretationsaspekte

1) Der Roman handelt von einer jungen Frau, welche ihre Familie und Freunde zurücklässt, um einen neuen Beruf anzunehmen. Das Problem ist jedoch, dass sie sich von Anfang an nicht richtig wohlfühlt und auch am Theater nicht richtig akzeptiert wird. Hier lässt sich nach den Gründen forschen: Liegt es daran, dass Anna eine Frau ist oder vielleicht jüdischer Abstammung? Liest man genauer im Roman fällt Annas „unbotmäßiges Verhalten und ihrer den Rahmen der sozialistischen Alltagskunst sprengenden Vorstellungen“ (3)auf. Denn in ihrer Kündigung heißt es auch, dass sie eine mangelnde Fähigkeit zur Einführung in das sozialistische Kollektiv gezeigt hat (S. 164). Auch ihr Gähnen bei einer Betriebsversammlung über „aktuelle, politische Probleme“ (S.73) zeig ihr Desinteresse an der DDR. Das Hinstellen Israels als „Apartheidstaat“ (S. 74) seitens der DDR stößt bei Anna auf viel Wut. In der DDR galt der Zionismus als „großbürgerlicher Nationalismus, welcher zu bekämpfen sei“ (4). So wird er auch im Roman dargestellt, als „abscheuliche, unwiderruflich freiheitsfeindliche und reaktionäre Ideologie“ (S.74). Vorrangig durch die politische Orientierung an den Westmächten. Allgemein wurde der Umgang mit Juden in der DDR, vor allem nach außen, gepflegt, um den Staat als „antifaschistischen deutschen Staat“ darzustellen.(5)


2) Der Briefwechsel zeigt die schwierigen Bedingungen für Ausreisen aus der DDR in andere Staaten. Jeder Bürger der ausreisen wollte, musste bei der Regierung einen Ausreiseantrag stellen, welcher auch die Kündigung im Betrieb zur Folge haben könnte. (6) Schwierig ist auch das Briefeschreiben über die Grenzen hinaus, denn man weiß, dass Briefe abgefangen und von der Stasi gelesen werden. So versucht man auf illegalem Weg die Briefe über Dritte mitzugeben. Deutlich machen das im Roman die Briefe, welche aus Jerusalem kommen, denn hier wird Anna von ihrer Freundin gefragt, ob sie weiter mit ihr Briefe wechseln möchte (S. 108), denn in der DDR sei dies noch schwieriger-, als in Moskau oder Leningrad. Auch wird einem Brief eine Mitschrift beigefügt, welche an die Leser der Stasi gerichtet ist.


3) Analysiert man ihr Liebesleben fällt auf, dass man auf Seiten Annas die bejahende Liebe hat und auf Seiten Leons eher die „sachlichere Sprache“ (7) gepflegt wird und seine Liebe durch „Sprunghaftigkeit und Entscheidungslosigkeit“ (8) gekennzeichnet ist. Diese Abwesenheit in den Briefen wird auch deutlich im ständigen Verpassen beider in Berlin. In einer Art Abschlussbrief richtet Leon „deutliche Worte gegen Anna bzw. ihre jüdische Tradition und ihren Freundeskreis“ (9) und provoziert so den Abschlussbrief Annas und die damit verbundene Trennung.Das Scheitern Annas in der Liebe und am Theater und die damit verbundene Flucht zu ihren jüdischen Freunden nach Moskau ist ein „Provisorium ohne weitere Perspektive.“ (10)


Rezeption

In der Lyrikwelt wurde eine Rezension abgedruckt, welche den Roman als „spannend- berührende Geschichte von Liebe und Liebesverrat und den Versuchen, die Würde des Provisoriums deutsch- jüdischen Lebens zu sichern, darstellt.“ (11) Jürgen Verdofsky meint, es sei ein genau gearbeiteter Text über den Aufbruch aus der Unmündigkeit. Sinnlich, lebenslustig, lebensklug, denn Protagonistin Anna ist auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. (12)


Ausgaben

Honigmann, Barbara: Alles, alles Liebe. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2003.

Honigmann, Barbara: Alles, alles Liebe. München: Carl Hanser Verlag 2000.


Literatur

Köhnen, Ralph: Liebe in zwei Jahrhunderten: Briefromane bei Goethe und Barbara Honigmann. In: Deutschunterricht 54 (2001).

Niether, Hendrik: Leipziger Juden und die DDR. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015.

Timm, Angelika. Ein ambivalentes Verhältnis. Juden in der DDR und der Staat Israel. In: Zwischen Politik und Kultur. Juden in der DDR. Hg. v. Moshe Zuckermann. 2. Auflage. Göttingen: Wallstein Verlag 2003.


Weblinks

Bleek, Wilhelm: Deutschlandpolitik der BRD, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 23.3.2009. (http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/deutsche-teilung-deutsche-einheit/43646/deutschlandpolitik-der-brd)

Bräutigam, Hansgeorg: Die arbeitsrechtlichen Konsequenzen in der DDR bei Stellung eines Ausreiseantrages. Zur Rolle der DDR- Justiz und der Justiz der Bundesrepublik Deutschland, in: Bundeszentrale für politische Bildung, 21.02.2014. (http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/179376/ die-arbeitsrechtlichen-konsequenzen-in-der-ddr-bei-stellung-eines-ausreiseantrages)

Steinfort, Dirk: Sehnsucht ohne Sentimentalität, in: lyrikwelt, Februar 2001 (http://www.lyrikwelt.de/rezensionen/allesallesliebe-r.htm)

Verdofsky, Jürgen: Liebestaumel und Verrat, in: Cicero. Magazin für politische Kultur, 12. Juli 2010 (http://www.cicero.de/salon/liebestaumel-und-verrat/47095)


Einzelnachweise

(1) Der Roman wird im fortlaufenden Text unter Angabe der Seitenzahl zitiert nach:

    Honigmann, Barbara: Alles, alles Liebe. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2003.            

(2) Bleek (2009). (3) Köhnen (2001). (4) Niether (2015) S. 184. (5) Timm (2003) S. 17. (6) Köhnen (2001). (7) Ebd. (8) Ebd. (9) Ebd. (10) Ebd. (11) Steinfort (2001). (12) Verdofsky (2010).



Natascha Knaup