Das Vermächtnis II

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Heinrich Böll - Das Vermächtnis

Das Vermächtnis ist ein Briefroman, der im Jahre 1948 von Heinrich Böll verfasst wurde. Die Erzählung wurde im Jahre 1982 veröffentlicht. In diesem Werk geht es um den Soldaten Wenk, der in der frühen Nachkriegszeit den Hauptmann Schnecker in einem Café sieht. Dies ist für ihn der Anlass einen Brief an den Bruder des, als noch vermisst geltenden aber im Krieg gefallenen, Oberleutnants Schelling zu schreiben und von den Erinnerungen und Ereignissen aus dem zweiten Weltkrieg und dem Schicksal des Oberleutnants zu berichten.

Inhalt

Die erste Begegnung der drei Protagonisten findet im Jahre 1943 in Frankreich statt. Wenk wird in die Normandie abkommandiert. Er hat keine Lust auf den Krieg und hasst seine Uniform und alles was damit zu tun hat. In der Normandie lernt er zuerst Hauptmann Schnecker kennen, einen sehr zackigen und führertreuen Soldaten. Auf dem Weg zu seinem Stützpunkt lernt Wenk ein junges Mädchen, die in einer Kneipe arbeitet, kennen und verliebt sich in sie. Im weiteren Verlauf des Aufenthalts in der Normandie wird die Langeweile, Einsamkeit, Sinnlosigkeit des Krieges und die Verzweiflung der Soldaten detailliert beschrieben. In der Normandie lernen sich auch Wenk und Schelling kennen und schätzen. Sie haben beide eine ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg, welche sie verbindet. Hitlerbilder werden umgedreht und auch über den Hitlergruß lästern die beiden. Dies macht sie zu einem Gegenpol zu Schnecker, wobei die Konfrontationen und Reibereien immer nur zwischen Schnecker und Schelling stattfinden. Wenk ist lediglich der Chronist. Nach einer gewissen Zeit wird die Kompanie nach Russland an die Ostfront versetzt. Dort berichtet Wenk von einer anderen Form des Krieges. Im Kampfeinsatz herrschen Grauen, Angst und Wahnsinn. Hier wird die Realität eines Fronteinsatzes deutlich gemacht. Die Angst, der Tod von Kameraden wird ebenso thematisiert wie die Gefangennahme von russischen Soldaten. Nach der Gefangennahme der Russen findet eine Feier, eher ein Besäufnis in einem Bunker statt. Auf diesem Fest erschießt der volltrunkene Schnecker im Streit den Oberleutnant Schelling. Zur gleichen Zeit greifen die Russen den Stützpunkt der deutschen Soldaten an und damit endet die Erzählung.

Figuren und Figurenkonstellationen

In der Erzählung gibt es drei Protagonisten: Oberleutnant Schelling, der sich im Krieg als kritischer und zweifelnder Mensch bewährt. Hauptmann Schnecker, der sehr ehrgeizig und führertreu ist und auch der Mörder des Oberleutnants ist. Die dritte Hauptperson ist der Soldat Wenk. Wenk ist der Verfasser des Briefes. Er steht Schelling sehr nah und ist auch ein kriegsmüder und kritischer Protagonist.

Form des Romans

Die ganze Erzählung bzw. der gesamte Briefroman beinhaltet nur einen Brief. Es findet kein Briefwechsel statt und es gibt auch keinen Antwortbrief oder eine Reaktion von Schellings Bruder. Wenk schreibt sich die Erlebnisse von der Seele und bittet auch gar nicht um eine Antwort oder Reaktion. Es handelt sich hier um einen Monolog in Briefform. Die Erzählung beginnt im Jahre 1948 in Deutschland. Wenk, der Chronist der Ereignisse sieht Hauptmann Schnecker in einem Straßencafé. Dieser Moment ist für Wenk der Anlass, einen Brief an Oberleutnant Schellings Bruder zu schreiben. Der Oberleutnant gilt immer noch als vermisst, obwohl er bereits seit Jahren tot ist. Für den Tod des Oberleutnants gibt es nur zwei Zeugen: Hauptmann Schnecker, der zugleich auch der Täter ist und Wenk. Wenk schildert nun die Ereignisse aus dem Krieg in einem Brief, der an den Bruder von Oberleutnant Schelling gerichtet ist.

Interpretationsaspekte

Im Laufe der Erzählung kommen viele Spitzen gegen den Nationalsozialismus und mahnende Kritik an der Nachkriegskultur bzw. Kriegserinnerung und Kriegsbewältigung vor. So wird z.B. die Erinnerung an den Krieg als „unsere Aufgabe“ definiert und auch die symbolischen Gesten, wie z.B. der Hitlergruß und das Hakenkreuz werden persifliert. Vor allem Schelling tut sich hier als kritischer Protagonist hervor. Es werden viele Spitzen und viel Kritik gegen den Krieg, die Nazis, Hitler und das Soldatentum generell vorgebracht (z.B. Seite 30, 39, 41). Auch die Gegensätzlichkeit des Krieges und seiner Protagonisten wird in dieser Erzählung deutlich. Die lähmende Langeweile und das Warten in Frankreich stehen im Gegensatz zu den Kämpfen, dem Grauen und dem Wahnsinn in Russland. Dies wird auch an den Verhaltensweisen der Personen deutlich. Wenk beschreibt das Verhalten von Schelling sehr detailliert und reflektiert und macht einen großen Unterschied zu dessen Auftreten in Frankreich deutlich. Auch das Verhalten von Schnecker wird beschrieben, dies geschieht allerdings eher subtil. Schneckers Verhalten wirkt allein durch die Beschreibung seines Handelns während der Ereignisse in Russland, vor allem bei der Feier im Stützpunkt als animalisch, wahnsinnig und rücksichtslos.

Didaktische Aspekte

Der Aspekt des fächerübergreifenden Unterrichts mit dem Fach Geschichte macht diesen Roman für einen Einsatz im Unterricht sehr interessant. Die Verbindung der literarischen Aufarbeitung und Darstellung der Kriegserinnerungen dieser Erzählung bieten viele Möglichkeiten für eine Verknüp-fung mit dem Fach Geschichte. Reale Feldpostbriefe und Augenzeugenberichte können als Vergleichsaspekte dienen. Die gegensätzlichen Charakterzüge und Verhaltensweisen der Protagonisten bieten Möglichkeiten der Multiperspektivität auf bestimmte Ereignisse. So böte sich z.B. ein Tagebucheintrag von Schelling und von Schnecker nach deren Streit an. Auch ein Antwortbrief von Schellings Bruder bietet sich zur produktionsorientierten Auseinandersetzung an. Ein Kritikpunkt ist allerdings die Tatsache, dass der Roman keinen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler hat, was der Lesemotivation abträglich sein könnte. Die Schülerinnen und Schüler und auch deren Eltern haben den zweiten Weltkrieg nicht miterlebt und auch die Nachkriegszeit und die damit verbundene Erinnerungs- oder Verdrängungsmentalität der Deutschen ist ihnen nicht direkt bewusst. Die Erinnerung an die Geschehnisse des zweiten Weltkriegs ist allerdings von höchster historischer und gesellschaftlicher Relevanz.

Rezensionen

"Hinreißend kurzweilig, dabei ohne jede Effekthascherei, kann er die lähmende Langeweile des dösenden Soldatenalltags beschreiben." Joachim Kaiser in der Süddeutschen Zeitung

"Eine Geschichte aus dem Krieg; ein Konflikt unter deutschen Soldaten, worin sich Historisches mit Persönlichem überzeugend mischt." Neue Zürcher Zeitung

"Der Böll der frühen Jahre, das war der zutiefst bestürzte und beschämte Überlebende, der 'gute' Deutsche, der sich Scham und Entsetzen von der Seele zu schreiben versuchte. In dieser Zeit hatte der damals noch völlig unbekannte Autor Böll bereits zu seinem charakteristischen Stil gefunden, der von einem eindringlich leisen Tonfall und großer Emotionalität bestimmt war." Toni Meissner in der Münchner 'Abendzeitung'

"Nicht aus Vergeltungsdrang oder verletztem Gerechtigkeitsempfinden läßt Böll seinen Erzähler Wenk zur Feder greifen, sondern um das Exempel der menschlichen Bestimmung an einer Figur zu statuieren, die sich ihr hat entziehen wollen." Gert Ueding in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Dieser Kurzroman Bölls entstand in der Frühzeit seiner schriftstellerischen Tätigkeit und ist entsprechend durch eine erzähltechnische Unsicherheit geprägt (z.B. Widersprüche, Disproportionen der Teile, unpassende Reflexionen, Handlungsarmut, Briefform) und durch erstmalige Konfrontation von Kriegsgeschehen und Nachkriegszeit in den beiden Überlebenden Fischer und Schnecker bestimmt. G. Ueding 1982.

Ausgabe

Böll Heinrich: Das Vermächtnis. Ungekürzte Ausgabe in der 6. Auflage vom deutschen Taschen-buch-Verlag, München 2002.

Forschungsliteratur

Sowinski, Bernhard: Heinrich Böll, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, Stuttgart 1993. Vormweg, Heinrich: Heinrich Böll. Der etwas andere Deutsche, Köln 2000.

Weblinks

http://www.buecher.de/shop/buecher/das-vermaechtnis/boell-heinrich/products_products/detail/prod_id/24068116/

Einzelnachweis

 Böll Heinrich: Das Vermächtnis. Ungekürzte Ausgabe in der 6. Auflage vom deutschen Taschenbuch-Verlag, München 2002. U.a. Seite 30, 39, 41. 
 Böll Heinrich: Das Vermächtnis. Ungekürzte Ausgabe in der 6. Auflage vom deutschen Taschenbuch-Verlag, München 2002. Seite 148f. 
 http://www.buecher.de/shop/buecher/das-vermaechtnis/boell-heinrich/products_products/detail/prod_id/24068116/ [aufgerufen am 21.04.2017, 14:30]. 
 Sowinski, Bernhard: Heinrich Böll, in: Sammlung Metzler. Realien zur Literatur, Stuttgart 1993, Seite 88.


Mark Kollenberg Universität Paderborn