Geschichte des Fräuleins von Sternheim

Aus briefromane
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Der Briefroman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim von Sophie von La Roche wurde 1771 anonym von Christoph Martin Wieland herausgegeben.


Inhalt und Figurenkonstellation

Die Titelfigur Sophie von Sternheim ist die Tochter des Oberst von Sternheim, der nachträglich aufgrund seines tüchtigen Charakters und seiner Kriegsverdienste in den Adelsstand erhoben wurde. Der Oberst heiratet Sophie von P., eine Schwester des Baron von P., mit dem der Oberst einst den Militärdienst verrichtete; Sophie ist ihre gemeinsame Tochter. Nach Beendigung des Militärdienstes überredete der Baron von P. den Oberst von Sternheim dazu, ein Landgut in unmittelbarer Nähe seines eigenen Wohnsitzes zu beziehen. Kurze Zeit später befällt sowohl den Oberst, als auch Sophie, die Schwester des Barons, eine eigenartige Schwermut; aber dem Baron gelingt es, den Ursprung dieser Melancholie ans Tageslicht zu bringen: Der Oberst hegt tiefe Gefühle für die Schwester des Barons, die sich ihrerseits in den Oberst verliebt hat, wagt es aber aufgrund der Ständedifferenz nicht, selbige um ihre Hand zu bitten. Doch seine Tugendhaftigkeit und die enorme Fürsprache des Barons führen dazu, dass schließlich alle bis auf Charlotte, die zweite Schwester des Barons, der Hochzeit zustimmen. Sophie berichtet ihrer Mutter in Briefen von den neuen Aufgaben, denen sie sich im Sternheim-Haushalt widmet, der Großmütigkeit ihres Mannes und dem Glück, das ihr durch die tugendhafte Lebensweise beschieden ist. Beide gründen ein Armenhaus und sind für ihre außerordentliche Nächstenliebe so weitreichend bekannt, dass der Oberst von Zeit zu Zeit gebeten wird, sich junger Edelleute anzunehmen und diese bei sich lernen zu lassen - unter diesen befindet sich auch der Graf Löbau, der auf diese Weise Charlotte kennen lernt und sich mit ihr vermählt. In dieses Umfeld wird die Tochter von Sophie und dem Oberst, die ebenfalls den Namen Sophie trägt, geboren. Ihr Vater ist darauf bedacht, sie im besten Sinne zu erziehen und sie sowohl Philosophie, Geschichte und Sprachen zu lehren, als auch sie in Tanz und Gesang auszubilden. Als die Mutter in Sophies neuntem Lebensjahr verstirbt, übernimmt die junge Sophie die Führung des Haushaltes und entwickelt sich zu einer fleißigen und tüchtigen Frau. Der Oberst von Sternheim verstirbt nach langer Krankheit, als Sophie grade das neunzehnte Lebensjahr erreicht hat und lässt sie in tiefer Trauer zurück. Vor seinem Tod hat der Oberst den Grafen Löbau als Vormund für Sophie empfohlen, zu dessen Gemahlin Charlotte sie keine besondere Verbindung empfindet, die sie aber dennoch respektiert, weil sie die Schwester ihrer geliebten Mutter war. Doch eben diese Gräfin Löbau entreißt Sophie ihrem geliebten, ländlichen Umfeld und nimmt sie mit an den Hof in D., wo der Fokus auf aufwendigem Putz und Mode liegt, die für Sophie beide eine untergeordnete, wenn nicht sogar völlig entbehrliche Rolle spielen. Ihren Unmut darüber teilt Sophie ihrer Jugendfreundin Emilia in etlichen Briefen mit. Der Grund für ihren Aufenthalt am Hof ist, dass sie für ihren Onkel, den Grafen von Löbau, einen politischen Vorteil erwirken soll. Dass sie dazu die Mätresse des Fürsten werden soll, erkennt Sophie, die allmählich zum Spielball der Intrigen bei Hofe wird, aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit, die sie stets auch auf andere projiziert, erst spät. Anfangs erfährt sie viel Zuwendung von dem Fräulein C. und deren Freund, dem Engländer Lord Seymour, zu dem Sophie schnell eine tiefe Zuneigung fasst. Als sie auf einem Kostümfest auf dem Lande Opfer eines Missverständnisses wird, das es so aussehen lässt, als habe sie Interesse daran, die Mätresse des Fürsten zu werden, wendet Seymour sich jedoch enttäuscht von ihr ab und auch das Fräulein C. sieht sie von da an immer seltener. Lord Derby, der ebenfalls Interesse für Sophie hegt, hätte das Missverständnis ausräumen können, sieht aber davon ab, als er erkennt, dass Lord Seymour sich deshalb von Sophie abwendet und somit eine geringere Gefahr für Derbys unehrenhafte Absichten darstellt. In Briefen, die er seinem Freund, dem Doktor B., schickt, erfährt man von seinen durchtriebenen Absichten und seinem doppelten Spiel. Er schafft geschickt Situationen, die ihn als tugendhaften und großherzigen Menschen erscheinen lassen, sodass Sophie schließlich eine Heirat mit ihm und die gemeinsame Flucht aus D. als einzigen Ausweg daraus sieht, die Mätresse des Fürsten zu werden. Doch Derby inszeniert nur eine Scheinhochzeit, indem er veranlasst, dass sich sein Freund John als Geistlicher verkleidet und die auswendig gelernte Trauformel aufsagt - Damit endet der erste Teil des Romans. Der zweite Teil beginnt mit der Schilderung von Sophies unglücklicher Ehe mit Lord Derby. Sophie versinkt in eine tiefe Depression, als Lord Derby sein wahres Gesicht zeigt und klar wird, dass es ihm in erster Linie nur um ihre Jungfräulichkeit ging, die sie aber zu bewahren weiß, worauf er sie verlässt, obwohl er ursprünglich versprochen hatte, sie mit nach England zu nehmen. In Briefen, die Emilias Schwester Rosine, die Sophies Kammerzofe ist, nach Hause schreibt, sowie aus Briefen Derbys an einen Freund in Frankreich erfährt man, dass Lord Derby Sophie verlassen hat, weil ihn ihre Schwermut langweilt und sie ganz offensichtlich noch immer Gefühle für Lord Seymour hegt. Nach dieser Enttäuschung flüchtet Sophie mit Rosine zu Emilia und ändert ihren Namen in Madam Leidens. Doch schon bald erhält sie die Gelegenheit, im Hause der reichen Madam Hills als Gesellschafterin zu leben und dort arme Kinder zu unterrichten, was ihr die Besinnung auf ihre tugendhafte Erziehung erlaubt und zumindest in Ansätzen wieder den Lebenswillen zurückgibt. Inzwischen kehrt Lord Seymour, der sich mit seinem Freund Lord Crafton auf einer Reise befindet, zufällig in dem selben Wirtshaus ein, in dem Sophie und Lord Derby nach der Scheinhochzeit ein Zimmer bezogen hatten und bekommt von der Wirtin die tragischen Ereignisse geschildert, die erneut seine Gefühle für Sophie entfachen lassen. Diese begleitet aufgrund ihrer schlechten Gesundheit Madam Hills in die Kur, wo sie Lady Summers vorgestellt wird, die sie als Gesellschafterin auf ihr Gut nach England holt. In England blüht Sophie allmählich wieder auf und lernt Lord Rich kennen, den sie, obgleich er ihr starke Zuneigung entgegenbringt, nur als platonischen Freund sieht und der, wie sich später herausstellt, Lord Seymours Bruder ist. Lord Derby hat unterdessen die Nichte von Lady Summers geheiratet und befürchtet, dass es zu einem Eklat kommen könnte, wenn er deren Familie einen Besuch abstattet, während Sophie ebenfalls dort ist, weswegen er sie kurzerhand entführen lässt. Im schottischen Bleigebirge schreibt Sophie bei einer armen Köhlerfamilie Tagebucheinträge, die sie dennoch meistens an Emilia richtet und in denen sie ihre Ohnmacht über ihr Schicksal zum Ausdruck bringt. Der Zufall will es, dass das kleine Mädchen, das die Köhlerfamilie bei sich aufgenommen hat, Derbys uneheliche Tochter Lidy ist, für die dieser nicht aufkommen will. Zuerst verstößt Sophie die Kleine, weil sie nichts in ihrer Nähe wissen will, das auch nur im Entferntesten mit Lord Derby zu tun hat, letztendlich schließt sie das Mädchen aber in ihr Herz und nimmt sich ihrer an. In einem Brief eröffnet Derby Sophie, dass er seiner Gemahlin überdrüssig geworden sei und sich scheiden lassen will, sowie ihre Heirat für gültig erklären würde, sofern Sophie freiwillig kommen und ihn lieben wolle. Als sie ablehnt, lässt er sie in einen Turm sperren. Lord Seymour und Lord Rich erfahren inzwischen von Lord Derby, der auf dem Sterbebett liegt, all dessen Intrigen und geheime Machenschaften. Derby ist fest davon überzeugt, dass Sophie tot ist und so begeben sich Lord Rich und Lord Seymour in das Bleigebirge, um den Körper des Fräuleins von Sternheim angemessen beisetzen zu können. Zuerst werden sie auch von den Dorfbewohnern zu Sophies Grab geführt, schließlich aber gibt die Köhlerfamilie, die das Fräulein vor Lord Derby schützen wollte, preis, dass Sophie noch lebt und sich im Hause eines Grafen versteckt hält. Seymour ist überglücklich und nimmt Sophie mit sich. Lord Rich, der Sophie immer noch von ganzem Herzen liebt, zieht das Glück seines Bruders dem eigenen vor und findet Erfüllung in der Freundschaft zu Sophie. Diese heiratet Lord Seymour und bringt einen Sohn zur Welt. In ihren letzten Briefen an Emilia berichtet sie von Seymours Reichtum und großen Ländereien, die es ihr möglich machen, vollkommen in ihrer Nächstenliebe aufzugehen und darin Erfüllung zu finden.


Interpretationsaspekte

Der Roman ist durch diverse Leitmotive strukturiert, die Sophies Sicht auf bestimmte Dinge bildlich verdeutlichen. Im Vordergrund steht dabei das Fessel-Motiv, das dem Leser vor Augen führt, dass Sophie von Sternheim stets an etwas gebunden ist - sei es an den Hof, die Ehe oder ihre Erziehung. Damit geht auch stets eine empfundene Handlungsunfreiheit einher, die besonders deutlich wird, als Sophie auf dem vom Fürsten ausgerichteten Bauernfest von der Gräfin F. in Bedrängnis gebracht wird:

„Die Gräfin F., welche mich nötigte, ihm eine Schale Sorbet anzubieten, brachte mich in eine Verlegenheit, die mir ganz zuwider war; denn ich mußte mich zu ihm auf die Bank setzen, wo er mir über meine Person und zum Teil auch über den übrigen Adel, ich weiß nicht mehr was für wunderliches Zeug, vorsagte.“ (2)

Andere Motive sind beispielsweise die Augen- und Theater-Motivik. Letztere bezieht sich auf die scheinbar perfekte Welt am Hofe, an dem alles nur Schein und Bühne ist. Dem Stadtadel geht es nur um die Repräsentation. Die Augen-Metaphorik spiegelt Sophies Unwillen, anderen Menschen, vornehmlich Männern, direkt in die Augen zu sehen und zugleich ihr geringes Selbstbewusstsein wider. Zugleich erlebt sie die Blicke als zudringlich: „Manche Augen gafften nach mir, aber sie waren mir zur Last, weil mich immer dünkte, es wäre ein Ausdruck darin, welcher meine Grundsätze beleidigte." (3) Sophies Neigung zur Verbergung ihrer selbst, egal ob durch Augenniederschlagen oder "Weltflucht" (4) steht in einem starken Kontrast zu dem Verhalten der anderen Personen am Hofe und gipfelt darin, dass sie ihr durch das vorgeschriebene Tragen einer Maske auf einem Fest sämtliche Individualität nehmen. Lord Derby schreibt in einem Brief an seinen Freund:

„[...] daß unser Gesicht, und das, was man Physionomie [sic] nennt, ganz eigentlich der Ausdruck unserer Seele ist. Denn ohne Maske war meine Sternheim allezeit das Bild der sittlichen Schönheit [...]. Aber nun waren ihre Augenbrauen, Schläfe und halbe Backen gedeckt, und ihre Seele gleichsam unsichtbar gemacht; sie verlor dadurch die sittliche charakteristische Züge ihrer Annehmlichkeiten, und sank zu der allgemeinen Idee eines Mädchens herab." (5)

Ein weiterer zentraler Punkt sind die Differenzen zwischen der Tugendmoral und der Standesmoral. Von ihrem Vater bekommt Sophie schon früh vermittelt, was es heißt tugendhaft (nach pietistischer Frömmigkeit) zu handeln. An diesen Grundsätzen versucht sie eisern festzuhalten, scheitert aber daran insofern, als dass sie weiterhin die Tugendmoral predigt, oftmals aber schon nach Standesmoral handelt. So erzieht sie beispielsweise die beiden Nichten ihrer Wirtin zu Zofen, nachdem Lord Derby sein wahres Gesicht gezeigt und Sophie allein gelassen hat.

„Ich redete ihnen von den Pflichten des Standes, in welchen Gott sie, und von denen, in welchen er mich gesetzt habe, und brachte es so weit, daß sie sich viel glücklicher achteten, Kammerjungfern als Damen zu sein, weil ich ihnen sehr von der großen Verantwortung sagte, die uns wegen dem Gebrauch unsrer Vorzüge und unsrer Gewalt über andere auferlegt sei." (6)

Sophie geht sogar noch einen Schritt weiter, als sie über die beiden Nichten schreibt: „Ihre Begriffe von Glück, und ihre Wünsche waren ohnehin begrenzt [...]" (7) Und auch ihre starke Abneigung dagegen, ihre Freizeit auf ihren Putz und Mode zu verwenden, scheint plötzlich gar nicht mehr so primär wichtig, als sie den Mädchen "einen Geschmack im Putz einer Dame zu geben" (8) versucht. Es begegnen sich dabei ihre Erziehung (das Ideal) und ihre Erfahrungen (die Realität) in einem Paradox, das Sophie verschlossen bleibt und aus dem sie auch keine Lehre zieht.

Im Roman sind an vielen Stellen Grundsätze der Rousseauschen Erziehungslehre zu erkennen. In seinem Roman Emile oder Über die Erziehung vertritt jener die These, dass das Stadtleben den Menschen zugrunde richtet, wogegen das Landleben ein ideales Umfeld zur Entfaltung natürlicher Anlagen des Menschen bietet:

„Die Stadt ist der Schlund, der das Menschengeschlecht verschlingt. Nach einigen Generationen geht die Rasse zugrunde oder entartet. Sie muß sich erneuern, und immer ist es das Land, das dazu beiträgt. So schickt eure Kinder also dorthin, wo sie sich sozusagen selbst erneuern und wo sie inmitten der Felder die Kräfte gewinnen, die man in der ungesunden Luft einer übervölkerten Stadt verliert." (9)

Diese Opposition von Stadt und Land durchzieht auch La Roches Roman. Sophie bittet etwa regelmäßig darum, den Hof verlassen zu dürfen, um sich wieder ganz der Natur, das heißt einem als natürlich verstandenem Leben widmen zu können und ist überglücklich, wenn sie Ausflüge aufs Land unternehmen darf:

„Es waren zween glückliche Tage für mich. Landluft, freie Aussicht, Ruhe, schöne Natur, der Segen des Schöpfers auf Wiesen und Kornfeldern, die Emsigkeit des Landmanns. - Mit wie viel Zärtlichkeit und Bewegung heftete ich meine Blicke auf dies alles!" (10)

Des Weiteren ist sie geradezu missionarisch unterwegs, wenn sie ihr Umfeld immer wieder auf die Vorzüge eines Lebens auf dem Lande hinweist: „[...] nur mit dem Unterschied, daß bei den Arbeiten und Belustigungen der Landleute, eine Ruhe in dem Grunde der Seele bleibt, die ich hier nicht bemerkt habe; und diese Ruhe dünkt mich etwas sehr Vorzügliches zu sein." (11)


Form des Romans

Der Briefroman Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim wurde 1771 anonym veröffentlicht und von Christoph Martin Wieland herausgegeben. Dabei handelt es sich um ein Spiel mit der Herausgeberschaft, wie es schreibende Frauen zu dieser Zeit häufig unternommen haben. Werke unter eigenem Namen zu veröffentlichen, stellte für Schriftstellerinnen noch eine große Hürde dar, zu groß waren die Vorbehalte gegenüber einer weiblichen Kunst, was man an Wielands Vorrede ablesen kann, der genau diesen Punkt aufgreift und die Publikation umfassend rechtfertigt. Der Roman besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil behandelt die Umstände, die zur Eheschließung von Sophies Eltern geführt haben, wie sie zum Hof kommt und die Intrigen, die letztendlich die Scheinehe mit Lord Derby zur Folge haben. Im zweiten Teil liegt der Fokus auf Sophies weiterem Werdegang und den Schicksalsschlägen, die schließlich fast in ihrem Tod enden. Der Roman schließt jedoch damit, dass Sophie gerettet werden kann und Lord Seymour heiratet. Der Roman ist ein polyphoner Briefroman, er enthält 54 Briefe (23 im ersten und 31 im zweiten Teil), von denen die meisten aus Sophies Feder stammen, die an ihre Freundin Emilia schreibt. Briefe abwechselnder Absender an wechselnde Adressaten schildern Hintergründe oder beleuchten Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel. Dennoch gibt es keinen Briefwechsel im eigentlichen Sinne, da die betreffenden Absender zwar durchaus Antworten auf ihre Briefe erhalten, diese dem Leser aber vorenthalten werden. Immer wieder werden die Briefe um kurze Erzählpassagen der fiktiven Herausgeberin Rosina unterbrochen, die das Geschehen kommentiert, Aspekte ergänzt und die vor allem als Fürsprecherin Sophie von Sternheims auftritt.


Rezeption

Um die Rezeptionsbedingungen des Fräulein[s] von Sternheim für den modernen Leser nachvollziehbarer zu machen, ist es notwendig zunächst die allgemeinen Lebensumstände gebildeter Frauen des 18. Jahrhunderts zu beleuchten. Das Zeitalter der Aufklärung bedeutet für Frauen, dass sie sowohl als Autorinnen als auch als Leserinnen an Bedeutung gewannen. In 18. Jahrhundert stieg die allgemeine Lesefähigkeit in der bildungsbürgerlichen Schicht an, blieb allerdings größtenteils auf diese beschränkt (vgl. Becher 1992, S. 28). Die bürgerlichen Frauen begannen, sich in ihrem Alltag Zeit für Lektüren zu schaffen. Bei der Auswahl ihrer Bücher waren sie oft von Vätern, Brüdern oder Freunden abhängig, welche die Bücher empfahlen (vgl. ebd., S. 32), aber ihnen auch den Zugang zu bestimmten Werken verwehrten. Nicht nur im privaten Umfeld waren die Leserinnen mit Einschränkungen konfrontiert, diese lasen ohnehin nur die Werke, die zuvor von Philosophen und Literaten, welche sich selbst als „Kunstrichter“ (12) bezeichneten, beurteilt und kategorisiert worden waren. Immanuel Kant behielt in seinen Ausführungen den männlichen Schriftstellern die Gebiete der Philosophie und Wissenschaft vor (vgl. Becker-Cantarino 2000, S. 40) und vertrat wie Johann Gottlieb Fichte die Auffassung, dass Literatur für Frauen ganz spezifische Charakteristika aufzuweisen habe. Diese sollte vor allem nützlich und moralisch sein (vgl. ebd., S. 53). Innerhalb eines solchen Ästhetikverständnisses wurden „Schreibversuche [von Schriftstellerinnen] als unästhetisch, ihre Briefromane als „vorästhetisch“ ausgegrenzt“ (ebd., S. 78). Dennoch sprachen Form und Schreibart dieser Romangattung das neue, weibliche Leserpublikum an, besonders aufgrund des persönlichen Bezugs, den die Briefe evozierten. Vor diesem Hintergrund legitimiert C. M. Wieland die Veröffentlichung des Fräulein von Sternheim mit seiner Vorrede, indem er den literarischen Anspruch des Werkes relativiert. Von einer Frau verfasst und vorrangig für weibliche Rezipienten gedacht (vgl. ebd., S. 85), beschreibt er die Absicht der Autorin folgendermaßen:

„Sie, meine Freundin, dachten nie daran, für die Welt zu schreiben, oder ein Werk der Kunst hervorzubringen. Bei aller Belesenheit in den besten Schriftstellern verschiedener Sprachen, welche man lesen kann ohne gelehrt zu sein, war es immer ihre Gewohnheit, weniger auf die Schönheit der Form als auf den Wert des Inhalts aufmerksam zu sein; und schon diese einzige Bewusstsein würde Sie den Gedanken für die Welt zu schreiben allezeit haben verbannen heißen.“ (13)

Mit dieser für weibliche Schriftstellerin anerkannten Intention konnte der Roman der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Erst durch einen gewissen Bekanntheitsgrad und nachdem sie Witwe geworden war, war es La Roche möglich losgelöst von Wieland zu publizieren (vgl. Seidler und Stuhlfauth, S. 14.). Durch ihre Salongesellschaft in Koblenz-Ehrenbreitenstein knüpfte La Roche Kontakte zu etablierten Autoren, betrieb Korrespondenzen (vgl. Nenon 2002, S. 289ff.) und profitierte selbst von den Gesellschaften. Julie Bondeli, eine Verlobte Wielands, äußerte sich in Briefen an La Roche sehr positiv zu Inhalt und Struktur des Romans, sowie zur Schilderung der Intrige und den beschriebenen Gefühlen (vgl. Müller 2013, S. 178). Auch Johann Gottfried Herder und seine Verlobte Caroline Flachsland lasen das Fräulein von Sternheim und bewerteten den Roman noch weitaus enthusiastischer als Bondeli (vgl. Dane 2013, S. 40). Becker-Cantarino macht den negativen Einfluss J. W. Goethes deutlich; mit seiner allgemeinen Abwertung der Empfindsamkeit trifft er auch La Roche.


Literatur

Ausgaben

Wieland, Christoph Martin (Hg.): Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Von einer Freundin derselben aus Original-Papieren und andern zuverläßigen Quellen gezogen. Weidmanns Erben und Reich. Leipzig 1771. (Originalausgabe)

La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Herausgegeben von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart: Reclam, 2006.

Wieland, Christoph Martin (Hg.): Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Von einer Freundin derselben aus Original-Papieren und andern zuverläßigen Quellen gezogen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007.

La Roche, Sophie von: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Herausgegeben von Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart: Reclam, 2011.


Forschungsliteratur

Becher, Ursula A. J.: Lektürepräferenzen und Lesepraktiken von Frauen im 18. Jahrhundert. In: Aufklärung. Heft 6, Nr. 1 (1992), S. 27-42. Becker-Cantarino, Barbara: Schriftstellerinnen der Romantik. München 2000. Dane, Gesa: Der „Fluch der Celebrität. Sophie La Roche in zeitgenössischen Briefen. In: Miriam Seidler und Mara Stuhlfauth (Hg.): Ich will keinem Mann nachtreten. Sophie von La Roche und Bettina von Arnim. Frankfurt am Main: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2013 [Ästhetische Signaturen Bd. 2], S. 37-46. Kastinger Riley, Helene M.: Tugend im Umbruch. Sophie Laroches ‚Geschichte des Fräuleins von Sternheim‘ einmal anders. In: Dies.: Die weibliche Muse. Sechs Essays über künstlerisch schaffende Frauen der Goethezeit. Columbia 1986. Müller, Nadja: Triumphe der Empfindsamkeit? Ein Rückblick mit und ohne Goethe auf Fräulein von Sternheim, Werther und Don Sylvio Rosalva. In: Miriam Seidler und Mara Stuhlfauth (Hg.): Ich will keinem Mann nachtreten. Sophie von La Roche und Bettina von Arnim. Frankfurt am Main 2013 [Ästhetische Signaturen Bd. 2], S. 165-183. Seidler, Miriam; Stuhlfauth, Mara: Einleitende Überlegungen. In: Miriam Seidler und Mara Stuhlfauth (Hg.): Ich will keinem Mann nachtreten. Sophie von La Roche und Bettina von Arnim. Frankfurt am Main: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2013 [Ästhetische Signaturen Bd. 2], S. 7-26. Nenon, Monika: „Sophie Von La Roches Literarische Salongeselligkeit in Koblenz-Ehrenbreitstein 1771-1780.” In: The German Quarterly. Heft 75, Nr. 3 (2002), S. 282–296. Rousseau, Jean-Jacques: Emile oder Über die Erziehung. Hrsg. Martin Rang. Stuttgart 2009.


Weblinks

Aus Zeitschrift/Zeitung und Feuilleton: http://www.zeit.de/2007/07/A-La-Roche http://www.zeit.de/2009/49/L-B-Goethebriefe http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-waeschewoche-chez-la-roche-11318462.html

Aus Literaturportalen und Wikis

https://www.literaturportalbayern.de/institutionenstartseite?task=lpbinstitution.default&gkd=freundeskreis http://www.augsburgwiki.de/index.php/AugsburgWiki/LaRocheMariaSophieVon


Einzelnachweise

(1) Der Roman wird im fortlaufenden Text, unter Angabe der Seitenzahl, zitiert nach: La Roche, Sophie: Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Hrsg. Barbara Becker-Cantarino. Stuttgart: Reclam-Verlag, 2011. (2) Ebd. S. 141-142. (3) Ebd. S. 71. (4) Kastinger Riley, Helene M.: Tugend im Umbruch. Sophie Laroches ‚Geschichte des Fräuleins von Sternheim‘ einmal anders. In: Dies.: Die weibliche Muse. Sechs Essays über künstlerisch schaffende Frauen der Goethezeit. Columbia 1986. S. 45. (5) Ebd. S.176. (6) Ebd. S. 205-206. (7) Ebd. S. 206. (8) Ebd. S. 206. (9) Rousseau, Jean-Jacques: Emile oder Über die Erziehung. Hrsg. Martin Rang. Stuttgart: Reclam-Verlag, 2009. S. 151. (10) Ebd. S. 108. (11) Ebd. S. 67. (12) Ebd. S. 13. (13) Ebd. S. 13.


Katarina Bomm und Annika Schöner (Universität Duisburg-Essen)