Lieber Matz, Dein Papa hat `ne Meise

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Der autobiografische Briefroman „Lieber Matz, Dein Papa hat ´ne Meise“, verfasst von dem ehemaligen Theaterregisseur Sebastian Schlösser, erschien erstmals im Jahr 2012. Der Roman schildert die Geschichte Schlössers als Vater mit der Diagnose manische Depression, der Briefe aus der Psychiatrie an seinen achtjährigen Sohn schickt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Theaterregisseur verliert Schlösser die Kontrolle über sein Verhalten und benötigt psychiatrische Hilfe. Er schildert den Verlauf der Krankheit, die Zeit in der Psychiatrie und verarbeitet seine Erlebnisse als Theaterregisseur.

Inhalt

Der größte Teil des Briefromans legt dar, wie es dazu kommt, dass Sebastian Schlösser psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen muss. In der Zeit seines Abiturs tritt die manische Depression das erste Mal auf. Er fühlt sich einsam und unverstanden und schneidet sich die Handgelenke auf. Dann ruft er Freunde an, die ihn zwar ins Krankenhaus bringen, dennoch wird er aber nicht weiter behandelt. Die Karriere Schlössers beginnt als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und mit erst 27 Jahren wird er als Regisseur am Theater eingestellt. Seine Zukunft ist aussichtsreich und vielversprechend. Die Mutter von Matz – Ada – lernt er ebenfalls im Theater kennen, denn sie ist Maskenbildnerin. Das Leben im Theater brennt ihn allerdings durch den Stress, Alkohol, Drogen und wenig Schlaf aus. In seinen manischen Phasen ist er größenwahnsinnig und nicht zu bremsen, schläft nicht, ist berauscht von den Premieren seiner erfolgreichen Stücke, trinkt viel Alkohol und redet ohne Pause. In einer Pension in der Stadt Mainz, in der er eine Zeit lang als Theaterregisseur arbeitet, beschwert er sich so heftig über die vermeintlich dreckige Unterkunft, dass die Wirtin anfängt zu weinen. Später arbeitet er eine Zeit lang in Berlin, was er als eine lang anhaltende Ausnahmesituation beschreibt. „Ich berauschte mich immer mehr an meinen eigenen Gedanken. Dazu kam ein Gefühl von Unverwundbarkeit und Größe – ich kannte keine Zweifel mehr.“ (1) Mit Wiebke, einer Schauspielerin, in die er sich plötzlich Hals über Kopf verliebt, mietet er die Präsidentensuite mit Flügel und Sauna und kauft sich einen Anzug von Armani. Als er umherirrt, wird er von Polizisten in die psychiatrische Notaufnahme gebracht, wird aber wieder entlassen, um zu seiner Premiere zu gehen. Wenn Schlösser mal zuhause ist, ist er nicht mehr in der Lage Verantwortung für seinen Sohn zu übernehmen und vergisst ihn beispielsweise fast auf einem Spielplatz. Seine Frau Ada ist besorgt um seine Gesundheit und überzeugt ihn, sich in ein psychiatrisches Krankenhaus einweisen zu lassen. Mit dem Aufenthalt in der Psychiatrie beginnt er auch mit dem Schreiben von Briefen an Matz. Dort lernt er schizophrene und depressive Mitpatienten kennen, wie seinen Zimmernachbarn Wolfgang. Schlösser beklagt die Freizeitgestaltung wie beispielsweise Koch- und Gymnastikgruppen, an denen er nicht teilnehmen möchte. Die Zeit verbringt er größtenteils mit spazieren gehen im Park und fühlt sich in seiner Freiheit beschnitten, da es strikte Regeln gibt. Zum Beispiel darf die Station nicht verlassen werden, ohne dass Bescheid gegeben wird. Nach der Zeit in der Psychiatrie inszeniert er wieder, wie mit seinem Psychiater besprochen, und schreibt weiterhin Briefe an Matz. In Essen hat er Schwierigkeiten mit den Schauspielern, denn ihre schauspielerischen Leistungen und das Bühnenbild gefallen ihm nicht. Schlösser beschreibt, dass er nicht in der Lage ist klare Ansagen zu machen. Er ist nicht mehr fähig zu arbeiten und beschließt zu kündigen. Um seine Kündigung zu erklären, offenbart er seinen Kollegen seine Krankheit. Nach dieser Niederlage entschließt sich Schlösser dazu, noch ein letztes Mal ein Stück zu inszenieren, um dann seinen Job aufzugeben. Er erklärt seine Entscheidung damit, nicht mit einer Demütigung aus dem Theater ausscheiden zu wollen. Dabei geht er alles ruhig - ohne Extreme und Alkohol - an. Das Stück ist zwar kein großer Erfolg, aber auch kein Misserfolg. Schlösser fühlt sich einsam und bittet Ada ihn wieder zuhause aufzunehmen. Sie stimmt ein und die beiden nähern sich wieder an, was er seiner Meinung nach Matz zu verdanken hat. Schlösser und Ada stellen ihre Streitigkeiten hinten an, um für Matz gute Eltern zu sein. Matz ist für ihn der größte Trost, der ihm Kraft gibt, womit er auch das Schreiben der Briefe begründet. Schlösser blickt in eine positive Zukunft mit den beiden. „Wenn ich Euch aus dem Augenwinkel beobachte […], dann weiß ich, dass es sich gelohnt hat. Alles.“ (2)

Form des Romans

Der Briefroman enthält Briefe in der Ich-Form, die die Sicht des Theaterregisseurs Sebastian Schlösser einnehmen und an den Sohn Matz gerichtet sind. Die Briefe werden nicht beantwortet, denn sie sind dazu gedacht, erst zu einem späteren Zeitpunkt vom Sohn gelesen zu werden. Sie sollen ihm die Krankheit und das Verhalten seines Vaters erklären, wenn er alt genug ist. Der Roman ist autobiografisch, wurde von Schlösser allerdings erst nach seinem Aufenthalt in der Klinik geschrieben. Sebastian Schlösser selbst sagt hierzu in einem Interview mit dem Zeitmagazin: „Mein Sohn war anderthalb, als ich meine manische Phase hatte, da konnte ich ihm nichts erklären. Die Briefe, das sind die Worte, die ich ihm geschrieben hätte, wenn er alt genug gewesen wäre. Wobei… vielleicht ist es am Ende gar kein Text für Kinder geworden, wichtig ist der Text vor allem für mich.“ (3) Die Briefe sind meist zwischen 3 und 9 Seiten lang, geben einerseits die Gefühle des Protagonisten und intensive Gedankengänge wieder, erzählen aber anderseits auch detailliert Gespräche und Situationen nach.

Interpretationsaspekte

Das Hauptthema des Buches ist die manische Depression. Schlösser stellt seine manische Phase sehr anschaulich dar: Unruhe, Reizbarkeit, verstärkte Gefühle, Schlaflosigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten gehören zu seinem Alltag. Heute ist es wichtig, dieses Thema anzusprechen, denn es liegt noch nicht lange zurück, dass psychische Krankheiten nicht als richtige Krankheiten anerkannt wurden. Im Bewusstsein vieler Menschen sind psychische Krankheiten auch heute noch nicht mit körperlichen Krankheiten zu vergleichen, obwohl sie ähnliches persönliches Leid hervorrufen. Der Autor scheint das Thema kindgemäß darzustellen, indem er seine Krankheit mit einer Meise vergleicht und den Begriff manische Depression nur selten verwendet. Die Psychiatrie nennt er Wolkenkuckucksheim und die Psychiater Meisendoktoren (4). In manischen Phasen ist die Krankheit eine Meise, die eingesperrt werden muss, und in depressiven Phasen eine Eule, die ihren Kopf unter das Gefieder steckt. Diese Bilder wurden gewählt, um das Thema vermeintlich auch für Kinder verständlich zu machen. Allerdings ist das Buch trotz der bildlichen Umschreibung nicht für Kinder geeignet. Die Verniedlichung scheint eher ein Vorwand zu sein. Vielleicht versucht Schlösser durch die Umschreibungen seine Krankheit zu verharmlosen. Eventuell möchte er auch die negativen Vorurteile, die über psychische Krankheiten bestehen, abschwächen. Es ist einfacher von einer Meise zu reden als von einer Krankheit und man selbst sieht sich nicht ständig im Bild eines erkrankten Menschen. Das positive Ende des Buches vermittelt die Botschaft, dass das Leben aufgrund einer psychischen Krankheit keinesfalls unbestreitbar ist. Das Ende zeigt ebenfalls, dass die Krankheit angegangen werden muss, wie beispielsweise durch den Aufenthalt in der Psychiatrie, um das Leben für sich und sein nahes Umfeld zu verbessern.

Didaktische Aspekte

Die Briefe sind entgegen des ersten Anscheins keine Kinderlektüre. Der Sohn Matz ist zwar erst acht Jahre alt, aber soll sie erst später als Erklärung der Krankheit seines Vaters lesen. Die Krankheit manische Depression und die Arbeit als Regisseur im Theater kann für Jugendliche, die sich für Theaterarbeit oder psychische Störungen interessieren oder damit in einer Verbindung stehen, spannend sein. Das Buch bietet die Chance in einfachen Worten und anhand von Erlebnissen einen ersten Eindruck einer manischen Depression zu bekommen, um zu verstehen, wie sich diese Krankheit auf den Erkrankten und das Leben auswirkt. Die Briefform bietet die Möglichkeit Gefühle ehrlich abzubilden. Da das Buch jedoch die komplexen Gefühle und den Job eines erwachsenen Mannes behandelt, bietet es für Kinder keine und für Jugendliche nur wenig Identifikationsmöglichkeiten. Von einem Einsatz dieses Briefromans in der Schule ist abzuraten und könnte höchstens in der Oberstufe bei entsprechendem Interesse angedacht werden.

Rezensionen

„Sebastian Schlösser hat sich seiner Krankheit gestellt und damit seinem Sohn den Vater erhalten.“ Cordula Stratmann „Das Buch liest sich angenehm und flüssig. Ich empfehle es jedem, der in einfachen Worten erfahren will, wie die bipolare Störung auf den Erkrankten wirkt.“ (5)

Ausgaben

Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat ´ne Meise. Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie. Berlin: Ullstein 2012.

Weblinks

https://www.lovelybooks.de/autor/Sebastian-Schl%C3%B6sser/-Lieber-Matz-Dein-Papa-hat-ne-Meise-691708831-w/ http://www.zeit.de/2010/37/Interview-Sebastian-Schloesser

Einzelnachweise

(1) Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat ´ne Meise. Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie. Berlin: Ullstein 2012. S.92 (2) Ebd. S.238 (3) http://www.zeit.de/2010/37/Interview-Sebastian-Schloesser (Zugriff am 18.02.17) (4) Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat ´ne Meise. Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie. Berlin: Ullstein 2012. vgl. S.6 (5) https://www.lovelybooks.de/autor/Sebastian-Schl%C3%B6sser/-Lieber-Matz-Dein-Papa-hat-ne-Meise-691708831-w/ (Zugriff am 18.02.17)


Maja Menke, Universität Paderborn